Scheitern

Ich nehme nicht die *wirkliche* Welt wahr,
nur meine Reaktion auf einen Impuls des Außen.

Aus der Wahrnehmung meiner Reaktion forme ich ein Abbild, eine Idee
der von mir vermuteten Beschaffenheit, das So-Sein, der Welt.

Diese von mir geformte und erschaffene Annahme sagt etwas über mich aus, nicht über das Außen.

Eine Vorstellung über etwas ist nicht das Etwas.
Die Speisekarte ist nicht die Speise, ein Liebesroman nicht die Liebe.

Die *wirkliche* Welt erfahre ich erst im Scheitern meiner Vorstellungen.
Im Moment des Scheiterns erhasche ich einen kurzen Blick auf ein Sein jenseits meiner Abbilder, Ideen und Konzepte, ein *anderes* Außen, als mir meine Konstruktionen meiner Welt vorspiegeln.

Und ich ertappe mich dabei, wie ich in Windeseile an die neuen Erfahrungen angepaßte aktualisierte Vorstellungen entwickle und aufbaue, die wiederum den umfassenderen Blick verhindern und erst selber wieder scheitern müssen.

Will ich das Scheitern meines Abbildes – denn ich liebe meine Vorstellungen und hänge sehr an Ihnen – verhindern, erkläre ich meine Idee der Wirklichkeit zur Wahrheit. Das funktioniert nur, wenn ich den Kontakt mit dem Außen zensiere. Ich ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück und gestatte den Impulsen des Außen den Eintritt in meine Welt, die in mein Weltbild passen und es bestätigen. Die nicht passenden Impulse müssen draußen bleiben, sind Tabu, mit der Folge, daß ich verhärte und versteinere, denn eine Veränderung im Sinne einer Anpassung an die Wirklichkeit ist nicht mehr möglich.

Erst im Scheitern, dem vollständigen Zusammenbrechen meiner selbst geschaffenen Welt, manchmal auch meiner selbst geschaffenen Hölle, ist das Sein erfahrbar, das ich bin.

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